Monatsarchiv für Juli 1995

Die Schilddrüsenoperation

Dienstag, den 11. Juli 1995

1. Ambulanz
“Warum hab ich nur so viel Hemden zu Haus?
Und keins paßt mir, alle zu eng am Hals?”
Der Doktor hat die Struma im Verdacht,
St. Vincenz’ Ambulanz hat sich das auch gedacht:
“Wir operieren das für Sie, wir können das fein!
600 mal jährlich schneiden wir drein.
Was, Ihre Stimmbänder sind Ihnen soooo wichtig?
Sagen Sie’s vorher noch mal - der Chirurg ist dann vorsichtig!”

2. Aufnahme
Nach Studium von Formularen und Statuten
gelange ich in nur 70 Minuten
von der Aufnahme in die Chirurgie-A,
und im Halbstundentakt werde ich da
untersucht und aufgeklärt, geröntgt und EKGisiert.
“Ich brauch meine Stimme!” wird von mir insistiert.
Doch schließlich unterschreib ich die Aufklärung,
daß ich am Ende auch sein könnte - stumm!

3. Operation
Wie ein Büßer im Hemd (doch mit Papierunterhos’)
verschlaf ich zwei Stunden mit Rohypnol,
dann gehts im Eilschritt zum OP,
da legen Sie mir gleich mal einen Kathe-
ter - mehr kann ich davon nicht berichten …
nach sechs Stunden erst konnt ich wieder Leute sichten.
Es sei alles gut, doch kalte Knoten werden untersucht,
ob morgen die Reststruma auch noch raus muß.

4. Banges Warten
Die Nacht kam, doch der Schlaf blieb aus,
jede Stellung im Bett war ein Graus.
Der Rücken schmerzte, der Hals tat weh,
der Nacken verspannt und die Brust - oje!
Was würde in der Pathologie gefunden?
Pathologisches? - oder nur ganz Gesundes?
Am Morgen (um zehn erst): nichts schlimmes zu berichten!
Statt neuem Katheter tun sie mirs Frühstück richten.

5. Allmähliche Genesung
Nach anfänglicher Schwäche kommt alles in Gang,
Gott sei Dank ohne Oxygen und Wiederbelebung.
Von Anfang an meine Stimme erklingt -
kein einziges Bändchen wurd ihr gekrümmt …
Ich eß grad, da kommt Dr. Vetter: “… Sie mal kurz stören?”
Da schneidt er schon mit dem Messer die Fäden der Drainage-Röhren
durch und zieht - es blubbert gräßlich, ziept und zwickt
Papp! Pflaster drüber: “Essen Sie nur weiter, guten Appetit!”

6. Mein Zimmernachbar
Herr Person lag von Anfang an
im Bett nebenan und nahm Anteil an
meinem Schicksal. Sein schlimmes Bein wurd täglich besser:
DREI Doctores klebten dreizehn Pflaster!
Er erzählte mir viel vom Schlosserhandwerk,
von der Jagd und dem Leben im Pfälzer Bezirk.
(Ich lernte z.B. wie Jäger Rehbocktrophäen
präparieren und durch Kochen die Knochen erhellen.)

7. Schluß
So haben mir in sieben Tagen viele Menschen geholfen:
Des Nachts bei Fieber - das verschwand wegen der Ohr-Pistolen!
Beim Wechseln der scharfen Nylons - strapsloses Modell,
bei der einmaligen Chefvisite - während des Essens, ging aber schnell.
Beim Blutabzapfen - während des Nachtmahls, dauerte ’ne Weile,
sowie bei weiteren Tätigkeiten.
Und hör ich im Radio einen cha-CHA-Ch-A,
denke ich dankbar an die Chirurgie-A!

Vielen Dank! von peter-seth
Juli 1995

8. Kurzfassung
Nach anfänglich aufregender Konfusion
und ausführlicher, ärztlicher Konsultation
kam es nach vollständiger Desinfektion
und dünnflüssiger, klarer Infusion
zu länglicher Operation
unter Narkose durch Intubation
mit subtotaler Strumaresektion
ohne karzinogene Infiltration.

Durch Einsatz der Besatzung
der Chirurgie-A bei Fieberung
kam es nach rascher Abschwellung
durch manche Pflasterwechselung
zu täglich zunehmender Genesung
mit anschließender Erholung
und ganz vollständiger Gesundung:
Dafür ganz herzliche Bedankung!

P. 7/95

Anmerkungen
“Drainage-Röhren”: ca. 2m lange Plastikschläuche für die Drainage der Wunde
“Ohr-Pistolen”: elektronische Fiebermesser
“scharfe Nylons”: Stützstrümpfe, die der Thrombose vorbeugen