Monatsarchiv für August 1999

Die Sonnenfinsternis am 11. August 1999

Donnerstag, den 12. August 1999

VORHER
„Frau Luna wird die Sonne schwärzen“,
lang ist es uns vorhergesagt.
„Die Welt wird leiden große Schmerzen“
wahrsagen Seher ungefragt.

Schon seit Wochen wir erkunden,
wo bietet sich der beste Blick?
Bei Karlsruh‘ haben wir gefunden
unser Wander-Hügel-Glück.

Doch: Wieviel wird der Ortsvorsteher
kassieren von den tausend Gäst?
Bringen sie dort nicht schon Toiletten
für ein Mega-Hügel-Fest?

Die Hysterie treibt volle Blüten,
mancher hebt sein Geld all ab,
begibt sich mit Konserven-Tüten
in seinen Sicherheitsverschlag.

Die andern lesen unterdessen
täglich trüben Wetterbericht.
Soll man den Standort noch verbessern
oder bauen wir auf Lücken-Licht?

Hoffende Erwartungen wachsen,
jeder hat sein‘ Sofi-Plan.
Sollen wir am Hügel schlafen,
voller Angst vor Massenwahn?

Immerhin: Wir haben Brillen,
die die Augen dunkeln ab.
Sonst würd das Licht die Netzhaut killen -
doch langsam sind die Dinger knapp.

AM MORGEN
Wolkig-feucht grüßt uns der Morgen,
von Sonnenaufgang nichts zu sehn.
Beim Bäcker Proviant besorgen,
doch da hab ich ein Problem:

Vor mir kauft jemand alle Wecken
für seine Sofi-Party ein.
Da bleiben uns zu Essenszwecken
nur Mo(h)n(d)teilchen und Sonnenlaib.

Es warten viele junge Leute
mit Schlafsack auf die Straßenbahn.
Ich seh im Innern schon die Meute
auf den Hügel ziehn hinan!

Staus gibt’s überall in Massen,
jeder Rastplatz überfüllt.
Millionen zieht es in den Schatten,
die sich sonst am Strand gegrillt.

Da erschreckt die „letzte Meldung“:
„Manche Brille dunkelt nicht!“
Fehler-Folie ist zu hell und
schadet stark dem Augenlicht.

Auch wir uns auf den Weg nun machen
auf den nahen Hügel rauf.
Was wird uns heut dort erwarten?
Komm’n wir vom Regen in die Trauf?

Der Verkehr ist ohne Stauung
wir nahen uns des Hügels Rand,
und wir sehen mit Erbauung
unsern Parkplatz ganz vakant.

KURZ VORHER
Rundherum kein Mensch zu sehen
ist die Sofi wirklich heut?
Und beim Hügelaufwärtsgehen
witzeln wir vor lauter Freud:

Die Sofi(v)ersicherungen sollten
zahlen jeden Sofi-Crash,
außer die von Philosophen
(denn das kostet zuviel Cash).

Und Beckenbauers „Schaun mer mal,
dann sehn mers scho“ wird
aktuell zu „Schaun mer mal
dann sehn mer se scho net!“

Da steht ein Auto aus der Fremde
dort spuckt ein weißer Bus
die Insassen in das Gelände -
mit Einsamkeit ist Schluß:

Aus Köln und Hof und Frankenfurt,
ein Kleinbus aus der Innerschweiz,
aus Heidelberg und gar aus Flensburg
komm’n Leute zu dem Dunkel-Reiz.

Auf „unserm“ Hügel stehn Stative
von ner Photographenschar,
suchend Sonne-Mond-Motive
hinter Wolken unsichtbar.

Diese stille Jagd nach Bildern
ist uns durchaus angenehm:
konzentriertes Drehn an Filtern
stört nicht himmlisches Geschehn.

Weitre Gäste sind „die Stillen“,
sie wollen spüren innerlich
den vollen Sonnen-Monden-Willen:
mit ihnen fühlen wir brüderlich.

Dann kommen schließlich noch „die Schwätzer“,
lautstark blödelnd einer Tour.
Als bräuchte Gott nen Übersetzer,
wenn er erscheint in der Natur.

Soeben haben wir Platz genommen,
da beißt der Mond die Sonne an,
durch die Wolken zieht verschwommen
beharrlich er die Schattenbahn.

Ein Regenbogen - Hoffnungsspender! -
unerwartet schmückt sein Reif
der Sonnen-Wolken-Nachtgewänder:
Seele, öffne Dich und schweig!

Wind erhebt sich, dunkle Haufen
ziehn vom Westen nach dem Ost.
An ihren Rändern schillernd laufen
farb’ge Bänder lichtdurchglost.

Immer lauter brummt es oben,
drei, vier Cessnas fliegen rum.
Zehn Leute sehn die Sofi droben,
hunderttausend hör’n Gebrumm.

Mehr als eine ganze Stunde
schiebt der Mond sich langsam vor,
dann wird’s dämmrig in der Runde
und - offen steht ein Wolkentor:

WÄHREND
Sonnensichel, dünne, zarte,
du schickst deinen letzten Strahl,
die Landschaft wechselt ihre Farbe,
alles wird jetzt grünlich-fahl.

Niemand sitzt noch auf der Erde,
alle stehn im Fröstelwind.
Der dunkle Mond sagt: „Und es werde
finster für die Menschenkind!“

    Und unser Mond deckt unsre Sonne,
    unsres Tageslichtes Wonne.
    Ihre Wärm‘, ihr heller Schein,
    ohne sie sind wir - allein.

Doch - in dieser Schattenstunde
zeigt sie für uns wunderbar
ihren Nachtschmuck: Eine runde
Kette eint das Himmelspaar:

Rote Perlen an vier Seiten
strahlen um das Mondgebirg
Licht und Dunkelheit hier streiten
um den Menschen-Erd-Bezirk.

Und das Licht erscheint jetzt schimmernd
in der Korona Feingeweb.
Ein Schleier hüllet leise glimmend
des großen Paares Hochzeitsweg.

Die Photographen filmen, knipsen
still und scheu, als hätten sie
Angst, die beiden zu verdrießen,
bei ihrem Treffen vis-á-vis.

Die Schwätzer klatschen, hupen, lassen
Raketen sausen in die Luft,
machen Witze und Grimassen -
vertreiben sie den Mond als Schuft?

Die Stillen sind aufs Feld gegangen,
schweigen abseits von dem Rest.
Meditierend sie empfangen,
worüber schwer sich reimen läßt.

Da erfaßt mich zitternd‘ Beben,
bei der ungewohnten Schau,
das hellgedunkelt Farberleben
erschüttert meinen Körperbau.

Tief ergriffen, voll Erregung
spüre ich den großen Ruf,
der mich füllt mit der Bewegung,
die die Himmelshochzeit schuf.

Zwar fühle ich, doch nicht verstehen
kann ich des Rufes inn’ren Sinn.
Es schüttelt mich bis zu den Zehen,
ist’s Ende oder Neubeginn?

Ich kenn’s, wie sonst mir spricht mein Engel,
wie er gibt mir Tiefgefühl
und dazu Gedanken-Sprengel,
die er in mich pflanzen will.

Doch hier ist nur Erschütterung.
An Sündenfall und Golgatha
erinnert Finster-Witterung
mit des Himmels Gloria.

Das Wolkenloch zeigt nur die beiden,
Merkur, Venus scheinen nicht.
Zum Wesentlichen soll uns leiten
das dunkel-runde Himmelslicht.

Der Mond rückt vor, die Sonnenstrahlen
finden wieder ihren Weg.
Auf den Boden Schatten malen
sie wie halbes Mondgebäck.

Der Sonne Schein - statt zu ermatten -
gewinnet unbeirrt an Kraft,
entläßt den Mond als Ehegatten,
der weiter zieht gewissenhaft.

Wir stehen noch, verwirrt, bezaubert,
da ziehn die strengen Wolkenfrau’n
den Vorhang zu - es wird bedauert,
daß sie uns länger nicht vertraun.

KURZ DANACH
Nicht mehr zu sehn sind Sonnsationen,
die Ersten ziehen ganz schnell ab.
Gegen Wolken hilft kein Zoomen,
das weiß der beste Photograph.

Wir sitzen nun und trinken, essen,
sinnen diesem Paare nach,
das heimlich trennt sich unterdessen
mit langem Kusse - ganz gemach.

Als die Schwätzer auch aufbrechen,
sagen wir „Entschuldigung!“,
weil wir nicht klatschen, witzeln, sprechen,
doch sie meinten nur: „Warum?“

Aus den Wolken fällt jetzt Niesel,
neuer Regen kommt aus Nord.
Wir geh‘n zum Auto über Wiesen,
die meisten Fremden sind schon fort.

Den ersten Stau auf dieser Strecke,
den ich je sah, erzeugten heut
an jeder Schatten-Auswärts-Ecke
die Millionen Sofi-Leut.

AM NACHMITTAG
Wie wurd die Sofi sonst gesichtet?
Auf Standstreifen der Autobahn:
In Zweierreih’n man sich nicht fürchtet,
denn sie hatten Blinklicht an!

Ein Klappstuhl aus dem Schwabenland
klemmte einem Schweizer Prof
einen Finger einer Hand -
Klinik-Sofi: Das ist doof!

Das Verkehrsdienstbarometer
zeigt aller Orten Stauung an:
Dreihundert volle Kilometer -
der Abfluß dauert stundenlang.

In Stuttgart Regen hat verschleiert
den Sofi-Blick, und es war kalt.
Als Mensch man mit den Leuten leidet,
als Badenser - freut’s ein’n halt.

Und auch dies gab’s, ungelogen:
„Diese Sofi nicht mit mir!“
Im Büro der Antragsbogen
ersetzt die Finsternis-Pläsier.

SPÄTER
Viel‘ Gespräche später zeigen
welche Vielfalt wurd erlebt.
Manche sah’n nur Sichel-Reigen
und fühlten: „dieser schon erhebt!“

Andre wollten schier verzagen
und hätt’n beinah sich umgebracht.
Die Polizei hat in drei Tagen
mehr als im Vorjahr zwangsuntergebracht.

Eine Schauspielerin im Radio meinte
wenn unser entwickeltes Sonnen-Ich
sich mit dem Mond-Du des andern einte,
die Welt würde besser - sicherlich.

Und weiter will ich der Botschaft lauschen,
die mir am Sofi-Tag geschehn.
Ich möchte auch mit keinem tauschen,
seine eigene Sofi hat jeder gesehn!

peter-seth, August 1999