Monatsarchiv für Februar 2003

der leser

Mittwoch, den 19. Februar 2003

mehr als zehn jahre meditierte ich mit andern zusammen:
entstanden war der kreis nach reden eines weißen bruders,
dankbar bin ich ihm und werd es immer sein;
er, der die kunde von jener welt uns brachte,
und wie wir verbunden sind mit ihr zu jeder zeit;
er sprach über all die dinge; er regte an gemeinsam treffen;
er lehnte ab, schüler hier zu haben; er ermunterte, alles zu prüfen,
was uns intressiert, was uns bewegt, was wir vergleichen wollten:
das beste nur behaltet ihr für euch, das was ihr selbst als richtig anerkennt …

so entstand der kreis, und monatlich einmal trafen wir uns
mit festgelegtem plan: erst ein wenig plaudern, den lärm des tages
von uns gleiten lassen, und dann nach vorgelesnem text
bildhaft meditieren, woran sich schloss noch weiteres reden
über all die fremden dinge, von denen jeder von uns
gehört, gelesen … denn niemand von uns konnt mitteilen sich
andern menschen: nur denen, die hier zusammengekommen:
ein sicherer hafen für den geist war hier entstanden …

eins der gründungsmitglieder mit viel einschlägiger erfahrung
war “die leserin”: sie las und las und las jedes mal den text,
der uns zu innern bildern brachte, der uns mit jener welt bekannter machte.
und, wenn sie nicht da war, dann las ich, anfangs war es ungewohnt,
doch bald merkte ich: das mach ich gerne!
und bald merkten sie: das kann der gut!
und so wurde ich zum “leser” …

mit innigkeit und großer kraft, mit klarer sprache (und etwas lauter,
da manche schon des hörgeräts bedurften ;) )
las ich von da an jedes mal den text, wie eine heil’ge handlung.
ich war der zeremonienmeister, achtete auf pünktlichen beginn,
beruhigte aufgeregte stimmung, damit sie störte nicht die besinnung
und stellte “energie” bereit, in die die andern tauchen sollten …
und ich las mit viel betonung,
und ich las mit extra pausen,
und ich las mit so viel stimmung …
und dann - nach der pause an dem ende, als all die augen wieder offen,
da war es mir ein bratkartoffelessen, wenn sie alle sagten,
in welchen höh’n sie sich gewähnt, wie meine stimme ihnen
den raum eröffnet und sie noch tiefer tauchen konnten ein als je zuvor.

stolz war ich auf meine fähigkeiten, meine leistung, und war ich mal verhindert,
wegen eines hustens oder schnupfens, und mußte hören, wie ein andrer las:
gleich hört ich in mir die kritik, die deutlich hinwies auf die schwächen
jenes lesers: falsche betonung hier, zu kurze pause da, und dort ein wort verschluckt …
und hintenrum sagte man mir: es ist doch so viel besser, wenn du es liest …
wars ja auch, nicht wahr? ihr hättet’s auch geglaubt! meine stimme hätt’ auch
euch in ihren bann gezogen …

(ein kleiner umweg ist hier angebracht. ihr werdet sehen gleich,
wie sich die wege wieder kreuzen werden …)

in eben diesem kreise war eine dame, die seit jahren schon
mutter meera oft besuchte, eine sanfte frau, die darshan’s gibt,
das ist: in ihrer gegenwart zu sein und dort zu spüren das göttliche,
dem sie nahe steht durch lange übung …
was meine freundin uns erzählte nach jedem dieser aufenthalte, voll begeisterung:
es war mir widerlich! man rutsche dort auf knien langsam zu ihr hin,
man neige seinen kopf vor ihr und gehe dann, wenn sie es will, zurück zu seinem stuhl.
ich konnts kaum hören ruhig mit an - ich würde nie auf knien rutschen,
nie würd ich neigen mich vor den menschen dieser welt …

inzwischen war erklungen die posaune gabriels, die jeden von uns rief,
uns nicht mehr ruhig des abends einfach schlafen lassen wollte,
die uns rief zu anderm dienst, und es begann mit unruhe - innendrin.
statt monatlich zu meditiern, nun trafen wir uns wöchentlich,
dem geist der zeit wohl angemessen, intensivres arbeiten
schien angebracht …

da plötzlich aus dem heitern himmel kam mir der gedanke,
ich könnte auch mal hinfahren zu mutter meera, und auf einmal war hinweg
verschwunden jeder dünkel, hinweg die scheu zu knien, und mich zu beugen tief.

(oh, könnt ich euch nur sagen, wodurch der wandel kam,
manch einem mags den weg verkürzen,
doch - so sehr ich auch geforscht -
ich kann den knopf nicht wiederfinden,
den ich ganz offenbar
gedrückt hab, intensiv …
oder … wurd er gepresst
von andrer seite???)

statt der üblichen neun wochen, die man darauf warten muss,
einen platz dort zu erhalten, konnt ich schon zwei wochen später
hinfahrn an die schöne lahn: tags spazieren durch die wälder,
alle frisch im fühjahrsschmuck, abends dann drei stunden darshan,
contemplatio in vollendung, auf den knien, tief gebeugt …
vor einer frau, die offenbar ganz aus bescheidenheit gemacht,
die hob die augen nie, die hunderte dort anzublicken,
nein, sie schaut’ allein in deine augen, und in ihren
kannst du sehn die ewigkeit, durch die hinwegschmilzt all das kleine
unbedeutend zeugs, mit dem das ego sich umgibt …

drei tage später hört ich laut und deutlich diese botschaft durch ihr bild,
die nachricht, die mir jemand - war ich es selbst? - zukommen lassen wollte:
“du wirst nie mehr allein sein wie bisher”
“du brauchst nie mehr die angst ham wie bisher”
(wie sich das auswirkte im leben, das ich seitdem gelebt,
davon ein ander mal - vielleicht - noch mehr …)

und diese schmelze, die hinweg wusch so viel ego,
sie zog mir aus auch das gewand des “lesers”:
sehen konnt ich überdeutlich, wie mein ego sich gesuhlt,
in den wörtern, in dem klang der eignen stimme, im gefühl,
das andre dadurch fühlen konnten - wie mein ego haftete
an meinem stolz, mit dem ich mich über die gebühr erhob …

von da an bat ich, dass wir anders regelten, wer lesen sollte,
anfangs ging es dann reihum, dass jeder etwas beigetragen,
später dann wollt ich nicht mehr - überhaupt nicht mehr - den text
durch meine stimme tönen lassen … das war vorbei …
ich übte mich darin, die bilder in mir zu erzeugen,
ganz egal wer draußen las, und wie es klang …

bald darauf wurd sonnenklar,
dass nicht die stimme macht,
was in versenkung dort geschah,
nein, jeder mensch macht es in sich,
läßt sprechen seine eignen teile,
auf die er sonst so selten hört,
jeder in sich drin,
ist seines reiches gott:
lange hatte ich versucht,
mich an diese stelle
für die andern hinzusetzen …

jetzt bin ichs selbst nur für mich,
ich für mich.

ich danke allen,
die das all dies
so lange mit mir mit-
gemacht, geduldet
haben …
ich danke euch!