Monatsarchiv für September 2003

körper, geist und seele

Sonntag, den 28. September 2003

ich begann im innern intensiver, mich mit dem geiste zu befassen,
noch war es mir nicht so deutlich, und es äußerte sich schwach,
so zart - kaum wahrnehmbar …
da - plötzlich - wurde ich gewahr, mona, ehefrau von bernd,
einem lieben kollegen von mir: sie war sehr erkrankt,
schon über jahre fanden sich in ihrem körper hier und dort
die zellen, die nur immer wachsen, ohne grenzen, und die wurden
ein-, zweimal im jahr hinweggeschnitten …
und so war für sie jedes jahr wie ein geschenk …

und in jenem herbst, da überkam es mich:
ich wollt hier was tun, mein wissen, meine fähigkeiten
wollt ich hilfreich geben, und ich begann, briefe ihr zu senden,
jeden sonntag morgen saß ich da, vier stunden lang,
und schrieb, was mein gehirn so wußte von der einheit
von fühlender seele, denkendem geist, wollendem körper,
denn es schien mir wohl, dass der körper aus dem gleichgewicht
geraten war und etwas tat, was von den andern beiden
ihm nicht zukam, was ihm fehlte …

ich ging zwölf wochen lang fischen in dem ozean
der ideen, der gedanken und gefühle,
wo schwimmen in den wassern die sagen und die märchen;
sogar ‘nen wahrsager bemühte ich, und ich ließ seine sprüche
in meine briefe fließen, so dass ein mensch, der gar nicht weiß,
was er glauben soll, als möglichkeit annehmen kann,
was dem verstand oft einfach als unsinn scheinen will.

drei monate war ich beschäftigt, jeden tag aufs neue
in mir die einheit von körper, geist und seele selbst
immer wieder so lebendig zu erleben, dass ich befähigt war,
sie sonntags morgens so einfach wie nur möglich
und doch so herzens-warm und klar
im briefen aufzuschreiben …

weit weg wohnte mona damals, man traf sich nie,
und ein-, zweimal rief ich sie an, und fragte sie, ob denn
die briefe einen nutzen für sie hätten, ob ein gewinn
sie daraus ziehen könne: ja, das schon, war ihre antwort,
doch mehr wollt sie nicht drüber reden, was mich verwirrte,
doch aufhörn wollt ich nicht mit schreiben …

dann versagte irgendwann die quelle, meine angelrute brach,
und ich konnt weiter nicht mehr jene briefe schreiben.
wenn ich mit dieser frau in ihrem leben
mehr als zehn stunden je geredet:
es würd mich wundern, da war kein gespräch,
das stattfand für reale ohren …

wir versuchten dann, fernheilungen zu arrangieren,
eine freundin, und auch ich. aus afrika sogar
ward in plastikfetzen das heilend mittel eines weisen
hergebracht; sie trank es auch, doch blieb’s
- so wie die heilungen - anscheinend ohne wirkung.

eines tags lag ich entspannt und sinnend nieder auf dem bett,
als plötzlich laut ein “knacks” ertönte, ich hochfuhr und sofort
ich wußte: das war mona, was war nur? war sie gegangen?
tags darauf war fast enttäuscht ich, als ich erfuhr sie sei
im krankenhaus, und alles noch in bester ordnung …
doch diesmal wachte sie nicht mehr auf aus der OP,
es war genug …

kurz drauf saß ich da und schrieb worte, die ich sprechen wollt
bei ihrem letzten abschied: damals war ich wirklich stolz
auf meinen einsatz, meine briefe, meine mühen in dem jahr
seit beginn der briefe. und ich merkte, dass ich gerne
diese meine leistung allen andern sagen wollte,
dass sie wüßten, welch ein toller kerl ich war und bin …

ich las es wieder, und wieder und wieder,
mit unbehagen immer mehr,
und dann plötzlich sah ich deutlich,
was wirklich sich da abgespielt:
nicht ich war der, der hier was gab,
nein, sie hat mich dazu bewegt,
durch ihr dasein, ohne worte, ohn verlangen,
mich mit den dingen, die für mich so wichtig
in dieser lebensphase, innig zu beschäftigen
und mich ganz damit zu verbinden, sie zu machen eigen mir.
ohne sie ich hätte kaum mich so intensiv
in all das seelen-geist- und körper-
mischmasch tief hineinbegeben;
bestandsaufnahme dort gemacht
von dem, was ich bisher gelernt …

und so blieb übrig mir
nur “DANKE” laut zu sagen,
danke für dein dasein, mona,
danke, danke, danke,
dass du mich regtest an,
und in bewegung brachtest …
so vieles ist seitdem geschehn …
davon mehr?
ein ander mal - vielleicht ;)