Monatsarchiv für Oktober 2003

heilen und geheilt werden

Mittwoch, den 22. Oktober 2003

mich hat immer fasziniert, wie andre menschen hände schwingend
und durch energie bewegen heilen können - mindestens aber:
erleichterung verschaffen denen, die das siechen oder leiden;
nur an mich selber wollt ich lieber niemand lassen …

eine dame - hier heiße sie renate - hoch in den siebzig, die ich öfters traf:
sie erzählte mir immer wieder voll begeisterung
von heilenden bewegungen mit ihren händen und von gebeten,
die sie sich selber beigebracht, und die sie mit erfolg
bei andern menschen angewendet …

ihr angebot, auch mich zu heilen, das lehnt ich immer lächelnd ab,
mir war da nicht danach - und ich glaubte nicht, dass sie mich heilen könne …

eines tages stürzte sie vom fahrrad, und sie fühlte schmerzen,
an einem wochenende, ein arzt war fern, und alle selbstheilung
schien nichts zu fruchten - da bot ich ihr spontan und ohne denken an,
ich könne doch jetzt mal sie mit meinen händen heilen …
am andern telefon hört ich ungläubig schweigen …

doch - die schmerzen waren groß, ich fuhr hin, und sie beschloß,
dass ich erst mal - so als ein test - ein wenig “energie” ihr schicke,
damit sie merken würde, ob ich überhaupt dafür geeignet wäre.
ich schickte “energie”, doch fühlen konnt sie nix, sie war sehr enttäuscht …

ich konnt sie überreden, mir ganz genau zu sagen, was ich zur heilung sollte tun,
und das macht ich dann: ich sprach ein klein gebet, verband mich mit den engeln,
rief den christus auch zu hilfe; dann nahm ich ihre füße sacht in meine hand,
ich sah das heilend licht, das sich auf sie ergoß, und hüllte sie damit
vollkommen ein - im angesicht von engeln …

so saß ich da vielleicht dreiviertel einer stunde, und die ganze zeit
floß das licht von oben, füllte ihre aura, und ich spürt zum ersten mal
jenes feine schütteln sehr tief in mir drin, das den fluss der energien mir so deutlich zeigt …

danach fühlt ich mich wohl, renate aber konnt kaum fassen, was sie grad erlebt:
das violette licht, es zeigt ihr immer an, wenn heilend energien strömen:
das hat sie ganz umgeben, sie konnte deutlich fühlen, wie ihre schmerzen gingen,
und fühlte sich erfrischt, geborgen, wie neu geboren …

zwei tage später wiederholten wir das alles
noch einmal und der “effekt” war nun sogar noch größer …

danach trafen wir uns einen ganzen sommer lang zwei- bis dreimal wöchentlich,
und sie zeigte mir all das, was sie zum heilen angewendet:
bewegungen der hände, auf und ab und in spiralen,
streichen der aura von oben, von unten und von überall,
fließen lassen von energien am kopf, an den füßen und auch zwischendrin
und vieles, vieles mehr … eine neue welt eröffnete sich mir …
ich sah mich schon als segensbringer, als heiler aller, die not leiden,
als der, der machen kann, dass andere gesunden von dem großen schmerz …

anfangs war ich streng bedacht, alles ganz genau zu tun, wie sie es mir sagte,
und ich sammelte mich sehr, bewegte meine hände wie eine innig-langsame
meditation … alles mit der größten bewußtheit, die mir möglich war.

es hatte sich so eingespielt, dass jede der “behandlungen” eine stunde dauerte,
und mit der zeit wurd mir das zu lang. ich traute bloß mich nicht, das auch zu sagen.
ich merkte, dass ich bald den fokus so lange nicht mehr halten konnte,
meine gedanken schweiften ab, während meine hände den gelernten
bewegungen einfach folgten, doch mein geist, der war nicht länger hier.

als dies das erste mal geschah, war der “effekt” noch größer auf renate
als sie ihn je zuvor erlebt: sie hatte solch massive, heilende erfahrungen,
die nicht nur ihren körper, sondern ganz besonders ihre seele auch betrafen.

dies ging so eine weile weiter, und allmählich ließ ich ganz bewußt alles weg:
kein gebet, keine engel, kein christus, den ich mehr herrief, ich sammelte mich vorher nicht
und das hände schwingen wurde immer spärlicher …
die “effekte” blieben, sie wurden eher stärker noch …

renate hat ein feines, ein gar sehr empfindsames sensorium,
sie kann sozusagen “auf den millimeter” deuten, was wie wirkt bei ihr,
und so war die zeit des trainings wertvoll ohne ende für mich - und auch für sie …

auch andre konnten spüren, welche kraft da wirkte, und im bekanntenkreis,
war ich bald ganz gut beschäftigt, all die auren zu “behandeln” …

eins war sehr merkwürdig die ganze zeit: renate, die so viele heilte,
was sie an mir tat, rührte mich nicht, heilte keine meiner wunden,
für kurze zeit entstand ein angenehm gefühl, doch bald war das vorbei,
und damit war ich so, wie ich zuvor gewesen …
im gegenteil: das liegen auf dem “behandlungstisch”,
es machte mir nur schmerzen, mein rücken tat so weh …

die frage damit blieb und wurde stärker noch: “wer oder was heilt hier eigentlich?”
bin ich es selbst? ist es “das licht”? eine höhere macht, die sich gnädig durch mich zeigt?
ich kam zu keinem schluss, keine dieser antworten wollt mich ganz befriedigen …

es verging ein wenig zeit, auf andern ebenen tauchte ich ein in neue strömungen,
lernte wieder andre menschen kennen, andre sichten dieser welt …
da wurd mir plötzlich klar: die heilkraft jedes menschen ist in ihm selber drin,
aus seiner innren quelle kommt die gesundung - ganz egal, wie sich die krankheit
vorher zeigte. und wenn ein heiler hier und dort sein segensreiches werk vollbringt,
so weist ihm sein klient ganz unbewußt die rolle zu,
erlaubt das spiel mit seiner eignen heilend’ kraft …

nachdem ich dies erkannt, strich ich keine auren mehr und meine hände wollten sich
auch nicht mehr dort bewegen, wo kankheiten der heilung harren.

renate konnte nicht verstehn, dass ich die heilung nicht mehr wollte, weder an mir selbst,
noch die an andern menschen. und selbst nach einer weile kam es manchmal vor,
dass sie mich heilen lassen wollte, ein wehwehchen hier oder dort.
ich erinnre mich an einmal, als ich sie besuchte: “ich hab seit ein paar tagen
so starke schmerzen hier, in meiner schulter. bitte leg mir doch die hand auf!”

ich spürte gleich in mir den widerstand dagegen und war fest entschlossen
das gar nicht zu tun. wir sprachen dann beim kaffee über dies und jenes, und aßen von dem kuchen,
und nach ein, zwei stunden fragt ich sie nach ihrem schmerz: da war er nicht mehr da …
so konnt ich deutlich sehen, wie ihre eignen kräfte die heilung stark beförderten
im wissen: ich bin da, derjenige der sonst, ihr manchmal schon “geholfen” …

das war ein abenteuer
für mich mit all der “heilung”,
mit all den illusionen,
der suche nach der wahrheit.

am ende steht mir hier
die fröhliche erkenntnis:

ich bin es selbst,
der mich selber heilt,
sofern ich denn
der heilung mich bedürftig wähne …

und kommst du zu mir her
und suchst der heilung segen,
so werd ich dir dies sagen,
und kann es dir auch zeigen:

der heiler in dir selbst,
das bist (nur) du.

mit freude geflossen durch das peter-portal