Monatsarchiv für Juni 2005

freiheit

Dienstag, den 14. Juni 2005

zum anhören (2,3MB - 6 minuten 36 sekunden):

weisst du, was “freiheit” ist? ich konnte gestern einen kleinen vorgeschmack davon fühlen, sozusagen einen “preview”: ich ging spazieren - meinen bevorzugten weg, den ich in- und auswendig kenne. die meisten seelenkämpfe der letzten jahre habe ich in der einen oder anderen phase dort durchlebt.

vieles ist passiert in den letzten tagen - ein innerer umbau hat stattgefunden - nicht nur in mir - in manch anderen auch …

nach einem solchen “umbauschub” gestern war ich also spazieren.

üblicherweise war ich auf jenem weg entweder in schlechter, trauriger, depressiver stimmung und erhoffte mir, dass die schöne natur und der wunderbare ausblick mir wieder zum licht helfen würden. oder ich ging zwar in neutraler stimmung hin, konnte aber fühlen, dass sich in meinem innern etwas “anbahnte”, was dann auch während des gangs “herauskam”. oder ich ging in froher stimmung hin, die dann durch die bäume und vögel noch gesteigert wurde …

wolken-strahlen-panorama

aber gestern … gestern ging ich dort entlang und die ersten 10 minuten fühlten sich so … komisch an, so … “nichtssagend”. es war eine wundervolle sonnenuntergangsstimmung, wie ich sie dort schon oft erlebt habe, “140km-breitleinwand” (so nenne ich das, seit ich mal ausgerechnet habe, dass man von der gegenüberliegenden talseite bei gutem wetter ca. 140km in der breite sehen kann), alles in dem vollen grün nach dem vielen regen in diesem frühjahr … und doch war da in mir etwas, was sich einfach wie - “nix” anfühlte …

ich wurde dadurch etwas beunruhigt ...
blieb stehen ...
schaute mich sorgfältig um ...
und da bemerkte ich es:

ich sah etwa einen wurm am boden,
steine auf dem weg,
eine buche, an deren blättern käfer nagten,
einen grünen krabbel-käfer,
den glänzend gleissenden sonnenball,
den blauen himmel,
einzelne weisse wolken,
eine amsel,
eine tanne,

...

und egal, was ich anschaute,
wenn mein blick verweilte und in die feinen strukturen,
die die dinge und lebewesen an sich bilden,
eindrang und immer mehr kleinigkeiten wahrnahm,
dann öffnete sich ein klitzekleiner spalt,
nur ein ganz kleines löchlein entstand,
und durch es hindurch
konnte ich fühlen,

das universum und alles, was ist,
die unsichtbare welt um mich herum

noch nicht so deutlich,
eher wie ein flüchtiger augenblick,
eher wie ein kurzer flügelschlag,
ein augenaufschlag
der göttin auge,
mir zublinzelnd
und wissend nickend

und verheißend:
bald wirst du mich erleben,
um dich herum ...
und in dir drin ...
und in jedem, der dir entgegentritt
auf den bahnen, die du ziehst.

verwundert stand ich da und wusste nicht,
was hier geschah: was wollte es mir sagen?

dann sah ich leicht:
wenn ich den blick gewendet von jenem stein
hin zu diesem blatt,
die gleiche botschaft
blitzte mir entgegen.

sah ich aber nirgends hin,
schaute ich einfach vor mich hin,
dann sah mir nichts entgegen,
es blieb still und ereignislos.
der spiegel meiner seele,
war dann ein ruhiger see,
der nur klaren blauen himmel spiegelte
sonst nichts.

sobald ich aber wieder
richtete mein auge auf den baum,
den käfer, die sonne, das tal,
die wolke, den mond, das steinchen ...
schaute die göttin wieder zurück
und gab die gleiche botschaft
die verheißung ...

doch neben jener botschaft
noch viel mehr drückte ab sich
in meiner seele:
die freiheit!

dies ist freiheit:
um mich herum das universum
darauf wartend, dass ich es anblicke,
und dann spricht es zu mir.
wenn ich aber nicht will,
wenn ich bei mir bleiben will,
dann treibt mich keine depression,
dann zieht mich keine weltenschönheit
hinweg von mir -
ich bleibe dann bei mir.

das ist freiheit:
um mich herum das universum,
mich nicht drängend,
wohin ich blicken soll,
durch meine freie wahl
wird es angeregt,
mir von seinen wundern
zu zeigen, was es dort
zu sehen gibt,
wohin ICH mich wende.

das ist freiheit:
im universum voller gaben ringsherum
kann ich bei mir sein,
oder - nach meinem wunsch -
kontakt aufnehmen,
dort, wo ich es will,
und immer erhalte ich
eine antwort.

das ist freiheit
- und trost.

peter-seth, 14. Juni 2005