der sommer 2005
die gefühle, die wir unterdrückten,
emotionen, die unbeachtet
in uns wühlten und dann,
anscheinend auf nimmerwiedersehen
in uns versickerten …
sie alle wurden eingefüllt
in ein dickes großes faß,
ein faß, das in uns schlummert,
und darauf wartet,
wieder entleert zu werden …
wir alle haben uns an diese
herkules-arbeit gemacht,
dieses faß wieder leer zu machen:
gearbeitet haben wir daran
die letzten jahre …
die gefühlsschichten aus dem
dicken faß nach und nach
wieder freizulegen, auszugießen
und uns dadurch zu erleichtern,
und uns frei zu machen …
frei und leicht für den großen sprung,
unbehindert von den alten
mustern und gewichten,
die wir das halbe leben schon
mit uns herumgetragen …
das faß - es wurde leerer, leichter,
und wir selbst, wir konnten fühlen,
wie unser leben eben auch
leichter und beschwingter wurde,
hoffnung keimte …
dass das faß nun bald ganz leer;
nur wenig schien da noch zu sein,
im frühjahr dieses jahres
war das ziel so greifbar nah,
der sekt war schon im kühlschrank …
da kam der sommer und mit ihm
ganz plötzlich wieder was von dem,
was wir schon längst geleert geglaubt,
und dann das nächste,
und noch mehr - viel mehr …
wie öl bildet einen festen,
schwarzen, teerig bodensatz,
der ganz schwer auszuräumen ist,
so hat unser dickes faß
eine ebensolche schicht …
in der jedes der gefühle
einen festen, zähen teil
hinterlassen hat, dem wir nun
unverhüllt begegnen,
wir sehen es noch einmal …
das, was wir schon längst
bewältigt und vergessen glaubten,
jetzt kommt’s noch einmal auf uns zu,
und es scheint viel mehr gewalt
als früher über uns zu haben …
doch - das ist nur illusion,
alles, was zu “tun” wir haben,
ist: geduldig, liebevoll
mit uns selbst zu sein,
bei der letzten reinigung …
des fasses: denn bald ist es leer,
auch wenn die letzten schichten
mehr arbeit machen als gedacht
und als vorhergesehen:
die letzte prüfung scheint mir dies …
und weil von jedem etwas ist
in dieser zähen schicht,
erleben wir die achterbahn
und die geschwindigkeit
scheint erhöht enorm …
denn manchesmal im stundentakt
toben überbleibsel von
minderwertigkeit und einsamkeit
und allen andern arten
von gefühlen über uns hinweg …
es wird nicht lange mehr
so weitergehen:
der bodensatz
wird bald geleert
und ausgekratzt:
dann wird
der sekt getrunken
und angestoßen
und gefeiert …
bald …
peter-seth, 26. august 2005