Monatsarchiv für August 2005

der bodensatz

Freitag, den 26. August 2005
der sommer 2005

die gefühle, die wir unterdrückten,
emotionen, die unbeachtet
in uns wühlten und dann,
anscheinend auf nimmerwiedersehen
in uns versickerten …

sie alle wurden eingefüllt
in ein dickes großes faß,
ein faß, das in uns schlummert,
und darauf wartet,
wieder entleert zu werden …

wir alle haben uns an diese
herkules-arbeit gemacht,
dieses faß wieder leer zu machen:
gearbeitet haben wir daran
die letzten jahre …

die gefühlsschichten aus dem
dicken faß nach und nach
wieder freizulegen, auszugießen
und uns dadurch zu erleichtern,
und uns frei zu machen …

frei und leicht für den großen sprung,
unbehindert von den alten
mustern und gewichten,
die wir das halbe leben schon
mit uns herumgetragen …

das faß - es wurde leerer, leichter,
und wir selbst, wir konnten fühlen,
wie unser leben eben auch
leichter und beschwingter wurde,
hoffnung keimte …

dass das faß nun bald ganz leer;
nur wenig schien da noch zu sein,
im frühjahr dieses jahres
war das ziel so greifbar nah,
der sekt war schon im kühlschrank …

da kam der sommer und mit ihm
ganz plötzlich wieder was von dem,
was wir schon längst geleert geglaubt,
und dann das nächste,
und noch mehr - viel mehr …

wie öl bildet einen festen,
schwarzen, teerig bodensatz,
der ganz schwer auszuräumen ist,
so hat unser dickes faß
eine ebensolche schicht …

in der jedes der gefühle
einen festen, zähen teil
hinterlassen hat, dem wir nun
unverhüllt begegnen,
wir sehen es noch einmal …

das, was wir schon längst
bewältigt und vergessen glaubten,
jetzt kommt’s noch einmal auf uns zu,
und es scheint viel mehr gewalt
als früher über uns zu haben …

doch - das ist nur illusion,
alles, was zu “tun” wir haben,
ist: geduldig, liebevoll
mit uns selbst zu sein,
bei der letzten reinigung …

des fasses: denn bald ist es leer,
auch wenn die letzten schichten
mehr arbeit machen als gedacht
und als vorhergesehen:
die letzte prüfung scheint mir dies …

und weil von jedem etwas ist
in dieser zähen schicht,
erleben wir die achterbahn
und die geschwindigkeit
scheint erhöht enorm …

denn manchesmal im stundentakt
toben überbleibsel von
minderwertigkeit und einsamkeit
und allen andern arten
von gefühlen über uns hinweg …

es wird nicht lange mehr
so weitergehen:
der bodensatz
wird bald geleert
und ausgekratzt:
dann wird
der sekt getrunken
und angestoßen
und gefeiert …

bald …

peter-seth, 26. august 2005