Monatsarchiv für März 2006

an ihren taten sollt ihr sie erkennen?

Mittwoch, den 22. März 2006
wie können wir wissen,
was uns wirklich im andern
gegenüber tritt?

"blonde engel"
könnten mörder sein,
harmlos scheinende bubis
die größten knackis ...

unsre welt-gewohnten sinne
verlassen oft uns,
wollen wir
vom sichtbarn
auf das unsichtbare
schließen.

drum steht geschrieben:
"an ihren taten
sollt ihr sie erkennen"
und wir sind gleich bereit,
diesen grundsatz anzunehmen:
denn, nur wer "gut ist",
kann auch gutes tun,
und wer schlechtes
in der welt vollbringt,
muss im innern schlecht auch selber sein ...

klingt doch logisch,
oder?

wir wollen hier nicht debattieren,
sondern fragen stellen:
was ist denn mit den menschen,
die keine werke tun?

da ist das kleine kind,
noch nicht fähig,
selbst etwas
in die welt zu setzen,
und doch: hat es nicht eine wirkung?
lächeln andre menschen
es nicht an
und freuen sich,
ein klein, unschuldig wesen
hier auf erden zu begrüßen?

da ist der mensch,
der uns behindert scheint,
an körper oder seele,
der selbst nichts tut,
vielleicht nicht mal
worte bringen kann hervor,
vielleicht sogar kein blick
dringt aus seinem innern
zu uns her:
hat er nicht wirkung?
ruft er nicht
in seiner umgebung
hilfsbereitschaft
und mitgefühl
und fürsorge
hervor?

da ist der mensch,
der heilig uns erscheinen mag,
doch spricht er nicht zu uns,
kaum blickt er an uns,
denn er weilt
mit seinem geiste in gebieten,
die uns verschlossen scheinen:
hat es nicht wirkung,
wenn wir ihm begegnen,
wenn sein stiller blick,
sein sanftes wesen
in uns nachhallt,
uns erinnert an die zeit,
in der wir diese seligkeit
selbst in uns trugen ...
uns erinnert an die zeit,
da auch wir selber wieder
dieser seligkeit
teilhaftig werden sein ...

erkennen wir die andern
an ihren taten?
oder vielleicht grade dann,
wenn sie nichts tun,
einfach nur "sind",
bei sich?

und damit auch "mit uns",
denn wir können fühlen,
dass im tiefsten innern,
wir einfach ebenfalls
"sind" ...
jene andren,
jenes kind,
sie erinnern uns an das,
was wir leicht vergessen ...
was wir schmerzlich missen ...
so schmerzlich,
dass wir glauben,
ersetzen zu müssen,
das sein
durch das tun,
weil wir nicht glauben können,
dass wir ins sein einmal
wieder einkehrn können ...

an ihren wirkungen
sollt ihr sie erkennen

peter-seth
22. märz 2006