Monatsarchiv für Mai 2006

wenn’s uns schlecht geht

Dienstag, den 30. Mai 2006

das sind die zeiten, in denen wir einfach genug von allem haben: schmerzen hier, ärzte dort, das geld ist alle, der partner weg oder mieser laune … alles, alles, alles scheint aber auch kein kleinstes bischen so zu laufen, wie es “sollte”.

besonders wenn der körper nicht so macht, wie es doch schön wäre, kann es unerträglich sein, zumindest aber herausfordernd das letzte von uns verlangen.

für jemanden, dem es genauso geht, geschrieben …

grüß dich, *****,

ich habe mal von einer frau gelesen, die im mittelalter (als sich das noch nicht so schickte für die frauen) ein kloster nach dem andern gegründet hat. jedesmal, wenn die einweihung eines neuen klosters war, war sie so sterbenskrank, dass sie nicht dabei sein konnte …

und du kennst bestimmt die geschichte von frida kahlo, der malerin, deren körper als junges mädchen durch einen unfall kreuz und quer verletzt, gebrochen und dann irgendwie wieder zusammengeflickt wurde … was hat sie nicht alles für bilder gemalt, und welche freude hat sie auf ihre umgebung ausstrahlen können …

vielleicht hast du auch den film “das meer in mir” (the sea inside) gesehen - in dem ein vom hals abwärts gelähmter in seinem bett liegt, sich seinen “fliegen-können”-phantasien hingibt und ansonsten etwas ausstrahlt, was alle menschen in seiner umgebung auf die eine oder andere art verzaubert … und was will er? sterben! ich bin aus dem film herausgekommen und war so was von “froh”, von “innerlich freudig gestimmt” - das passiert mir oft nicht nach komödien …

es ist ein unterschied in der welt:
ein geist in einem körper,
ich meine, eines menschen geist,
der macht den unterschied.

und oft, oft können wir selbst
es gar nicht sehen, wir können es kaum wahrnehmen,
welchen unterschied wir selbst machen.

wir sehen dann, wie schwierig es für uns ist,
wie unser körper hier und da dahinsiecht,
dort was nicht funktioniert,
oder hier die haare ausfallen ...

und doch: wir sind ein  geist in einem körper,
und als solcher machen wir einen unterschied
in der umgebung, in der wir sind.

manchmal schauen wir auf uns,
empfinden uns als wrack,
sehen nicht, dass wir überhaupt etwas
in dieser welt "wirklich" fertig bringen,
haben das gefühl, wir versagen,
weil uns vorschwebt, wie es sein könnte,
wie wir gerne wären,
was wir gerne hätten,
mit wem wir gerne zusammen wären ...
all das ausgedachte zeugs,
liebe *****, das uns unser gehirn zuspinnt,
das uns vernebelt und behindert
darin, die wahrheit zu sehen.

“Suchst du das Höchste, das Größte?
die Pflanze kann es dich lehren.
was sie willenlos ist, das sei du wollend - das ist’s!”
(Friedrich Schiller)

all das ausgedachte zeugs,
behindert uns darin,
uns der pflanze gleich
dort und unter den bedingungen zu entfalten,
wo wir sind und die wir hier vorfinden.

und wenn einer kommt und hackt dem baum
ein tiefes loch in den leib,
dann bildet der baum den heilenden wulst
und wächst weiter,
nicht mehr so grade vielleicht
und immer wird man ihm
die wunde ansehen,
aber er wächst weiter …

all das ausgedachte zeugs,
das uns ablenkt vom sein,
vom wahren sein.

was nutzen uns worte,
wenn wir sie benutzen,
um uns vom SEIN abzulenken,
weil wir tief drinnen unbewußt spüren:
wir können es kaum aushalten,
das unverhüllte SEIN
unter erdenbedingungen,
wir können es kaum ertragen,
weil es uns unfair behandelt,
uns schmerzen beschert,
und uns einfach nicht so sein läßt,
wie wir wissen, dass wir WIRKLICH sind.

ja, genau so ist es ja auch,
wir KÖNNEN hier nicht sein,
wie wir WIRKLICH sind;
wir haben die flügel abgegeben
und stolpern hier unten herum
wie die kinder im dunkeln,
wenn sie blinde kuh spielen,
und selbst die können dann noch gut laufen.

verdammt noch mal,
wer hat dieses scheiß-spiel bloß erfunden,
und warum können wir nicht irgendwo
den versteckten knopf finden,
auf dem steht:
“im notfall bitte drücken”,
und dann kommen drei engel geschwebt,
halten unser haupt und trösten uns,
und dann dürfen wir frei wählen,
ob wir noch mal eine runde
“erdenleben spielen” wollen
oder lieber ganz aufhören
und  uns für eine weile
bei den himmlischen heerscharen
erholen wollen -
mit offenem ausgang …

ja, wo ist er bloß, dieser knopf?
gibts ihn überhaupt?
muss man wirklich nur
dreimal die hacken zusammenschlagen
und sagen “ich will heim”?
so oft schon probiert,
anscheinend hats nix genützt,
bin immer noch hier
im schweren erdenstoff …

jemand hat
den zauberspruch “verstellt”
irgendwie die wörter vertauscht,
die bekannten passen nicht mehr.

und so sind wir gefangen
und trösten uns darüber hinweg,
indem wir geschichten vom aufstieg erfinden,
und nach einer weile auch noch selber glauben …

und so können wir nicht raus
und versuchen uns erleichterung zu verschaffen,
indem wir uns an den händen halten,
uns gegenseitig trösten,
wenn schon keine engel zu hand sind,
das so zu tun, dass wir es auch merken.

es ist ungerecht,
und ich versteh den alten hiob wohl,
der mit gott hadert,
und von ihm das alles verlangte,
was ihm andauernd wieder genommen wurde.
er ließ sich nicht davon abbringen,
es von gott zu verlangen
(der teufel wollt ihm nämlich
seinen gottesglauben austreiben).

sind nicht manche von uns
in einer ähnlichen lage?
hadern wir nicht in der einen oder anderen weise
mit unseren runnern,
dem höheren selbst,
tobias, st germain, dem wetter,
und das alles,
nachdem ja angeblich
sowieso keiner mehr von denen da ist …

außer uns selbst,

außer uns selbst,

außer uns selbst,

ist keiner hier.

wir sind definitiv alleine,
in diesem verflixten verwirrspiel

(erinnert es nicht an jumanji?
gleich um die nächste ecke
kann wieder was auf uns warten,
was uns völlig aus unserm
kleinen bischen gleichgewicht schmeißt)

außer uns selbst,
ist keiner hier.

vor langer zeit
hab ich mal gelesen das buch
“als vater’s bart noch rot war”,
geschichten von bruno,
dessen vater
während der großen rezession
nicht mehr aus noch ein wußte.
und dann kam ostern,
und bruno wollt gerne ein osterei
(so ein großes aus schokolade
mit vielen kleinen sachen drin
und goldpapier aussenrum)

nach vielem kopfzerbrechen,
wie man das bezahlen sollte
und woher so ein osterei kommen könne,
hatte der vater ein gespräch mit einem freund,
der ihn fragte:
“haben sie freunde, die ihnen geld leihen könnten?”
  “nein”
“haben sie verwandte, die ihnen was pumpen könnten?”
  “nein”
“haben sie was, was sie ins leihhaus bringen könnten?”
  “nein”
“na jut, dann wissense ja, wat sache is!”
  “hm, was denn?”
“es kommt ganz allein auf sie an!”
und dann heisst es im buch,
das bruno schreibt:
“und irgendwie schien das gespräch vater geholfen zu haben” …
der junge kriegt sein ei,
und wißt ihr was:
es ist ein total
von oben bis unten
und innendrin
imaginiertes …

mir ist das oft und oft in den letzten monaten
und jahren wieder eingefallen:
“es kommt ganz allein auf sie an!”

es kommt ganz allein auf mich an!

es kommt ganz allein auf dich an, liebe *****,
traurige *****, erschöpfte *****,
liebenswerte *****, schöpferische *****,
auf dich alleine kommt es an.

ja, das ist es,
und bei manchen ist es schon längst klar,
und bei manchen klingelt’s grad,
und bei manchen kommt es bald:

es kommt allein auf dich an!

du weisst es natürlich schon längst,
und ich weiss es auch schon eine weile …

doch: warum muss ich weinen,
wenn ich das alles schreibe?
was geht hier vor?
wer hat mir hier ins ohr geflüstert
und meine tasten gedrückt?
wars ich?
warst du’s, *****?

oder sonst jemand hier?

der, der sich im text erkennt,
der war’s!

der, der eine träne weinte bis hierher,
der war’s!

also auch ich … ;) 

danke, *****, für eine wunderbare frage,
mit liebe, das peter-portal