ich bin wieder da
Sonntag, den 30. September 2007diese woche hatte es in sich,
ich meine: die letzte woche,
die am samstag,
den 29. september endete,
am michaelstag,
michael, der den drachen besiegte …
alle meine drachen sind aus ihren höhlen gekommen
und haben ihre köpfe erhoben,
haben sich gezeigt,
und ich fühlte mich
ihnen hilflos ausgeliefert,
umhergeworfen
von einem zum anderen.
besonders aber denen,
die mich in ihre höhle
hineinzogen,
in die dunkle, nachtgleiche höhle …
heute morgen erwachte ich,
bereit, weiteren drachen
zu begegnen.
ein sonniger tag
(schon gestern war es so sonnig,
aber es gab einen scharfen wind),
warm und fast windstill …
heute bin ich flughafenzubringer,
setze einen sohn am flughafen ab,
der in den urlaub fliegt,
und der sich freut,
und dann fahre ich nur ein paar kilometer weiter,
finde ein gasthaus
und sitze da mit kuchen, kaffee und obstler
in der knallsonne,
die mir aufs hirn brennt
(und die sonnenbrille hilft nicht weiter oben
)
um mich rum menschen,
die sich lauthals unterhalten,
über zwei tische hinweg
sich im schweizer dialekt erzählen,
dass die stadt chur eine arabische gründung war …
ich lauf los,
es ist heiss,
der kaffee wirkt,
und ich bin im nu nass geschwitzt,
und das im kurzen hemd.
es geht nach oben,
der burg entgegen,
die hier auf einem kegelförmigen berg
vor fünfhundert jahren
die gegend bewachte.

viele autos fahren an mir vorbei,
luxus-autos, porsches, dicke audis
und mercedesse,
vermischt mit dem knattern
von dicken motorrädern.
je höher desto mehr aussicht,
bis ich in den wald gerate,
das ziel ist nicht sichtbar,
führt diese strasse überhaupt dorthin?
aber ja, versichern mir absteigende wanderer …
hier gehts links steil hinunter
und rechts steil hinauf,
immer wieder schau ich nach einer abkürzung,
doch diese steilheit
und dieses gestrüpp:
da gibts kein durchkommen …
dann gibts einen pfad,
der sich von hinten hinaufschlängelt,
dort ists frischer,
dafür fährt mich auch keiner mehr um,
und dann bin ich oben:
eine burg mit zwei türmen,
natürlich will ich auf den westlichen,
dort wo die aussicht
viele kilometer in die rheinebene reicht,
fast will mir scheinen, man kann siebzig,
achtzig kilometer weit schauen.

ein flugzeug brummt,
ich schau auf die uhr,
das ist der flieger,
in dem mein sohn sitzt,
und da seh ich ihn in der ferne abheben,
klitzeklein, es brummt auch nur leis.

die badische fahne hängt schlapp
vom mast auf dem turm,
und heut fällt mir auf:
sie ist zur spanischen umgekehrt -
gelb - rot - gelb.
die wege zwischen den weinbergen im süden
bilden mäandernde muster,
der rhein glitzert in der kurve dort
und zwischen jenen hügeln
blinkt die stadt herüber …

nur wenige menschen steigen die vielen stufen empor,
es geht schon auf den abend zu,
sie stehen da,
schauen friedlich in die ferne,
unterhalten sich über die markanten punkte,
die die schautafeln andeuten:
“was, da hinten soll man sogar
den kaiserstuhl sehen?”
ich versuch fotos zu machen,
doch im hellen sonnelicht
kann ich das display kaum erkennen,
und so werden es eher zufällige schnappschüsse …
ich steige wieder ab,
gehe um die ecke auf die terrasse:
jetzt ist keiner mehr hier -
ach, doch - eine eidechse sitzt am rand,
versucht eine fliege zu essen,
die zappelt aber noch,
und es dauert eine ganze weile,
bis die fliege verschlungen ist,
während mir beide
für fotos modell sitzen
an der steinkante,
voll von der sonne beschienen.
bienen summen in den büschen dort unten,
und in der ferne tutet ein krankenwagen
mit blaulicht die landstraße entlang.
ich schau mir das gasthaus an,
gehe hindurch - und siehe da,
dort ist eine terrasse mit rheintalblick,
windgeschützt, und leckeres essen
gibt es hier auch.
das merke ich mir,
aber jetzt esse ich nichts,
schon der kuchen vorhin
war mehr als genug.
ich ziehe mir den pullover über
und mache mich auf den rückweg,
den pfad wieder hinunter,
und dann “andersherum”
um den kegel herum durch den wald,
durch den sonnenstrahlen
überall glitzern,
die mir käfer zeigen,
den einen oder anderen vogel,
blätter und blüten …
sonst ist da nichts.
nur ich.
keiner sonst.
es ist still - sehr still.
in der sonne halte ich kurz an,
und ich schnüre meine schuhe enger,
brauche besseren halt.
dort, wo ich einen sattel erhoffte,
der mich bequem nach rechts bringen würde,
gibt es nach rechts nur einen “sackweg”,
und ein freundliches schild
erspart dem wanderer dorthin zu gehen,
denn es sagt, dass der breite weg
hier nach 200 metern schon endet.
ich geh also links,
nach unten, das scheint mir nicht richtig,
bringt mich auf umwege,
und als die markierung erneut
nach links scharf abbiegt,
geh ich rechts weiter,
wo ich auch hier in einen sackweg gerate,
weiter oben kann ich den andern sackweg ahnen …
zurücklaufen?
sackwege … da wo es nicht weiter geht …
von hier aus bleibt nur ein riesiger umweg,
den ich locker auf fünf bis acht kilometer schätze …
oder ganz zurück zur burg und auf dern andern seite hinunter -
auch nicht viel kürzer …
sackwege, sackgassen,
sollte es hier wirklich nicht weiter gehen?
das ist mir ja schon seit ewigkeiten nicht mehr passiert,
einfach nicht mehr weiter zu können …
bleibt nur die direttissima
direkt von hier nach oben
steil hinauf
durchs brombergestrüpp,
das hier nur kniehoch ist.
und dort oben kann ich noch sonne in den baumwipfeln sehen,
hier unten im “sackweg” wirds schon dunkel.
schon die ersten schritte sind schwierig,
ich rutsche
mal mit dem einen fuss,
mal mit dem andern -
das sieht zwar nach einem pfad aus,
doch es wird mir nach und nach klar,
das ist eher ein wildwechsel,
und die rehe springen hier sicher viel schneller hinauf,
als ich es fertig bringen kann.
und wieder total schweiss-nass,
alles einmal durchgefeuchtet,
ich ritz mir die arme an den brombeeren auf,
fehlt nur noch,
dass die hose risse bekommt,
aber es geht aufwärts.
am oberen sackweg kurzes verschnaufen,
dann weiter einen wildwechsel hinauf,
unterhalb eines felsbrockens entlang,
quer durch ein spinnennetz
einer riesenspinne,
das sonnenlicht kommt näher
die letzte steile stelle
ist besonders steil,
und dann steh ich auf einem weg,
in der späten abendsonne
und wische mir den schweiss von der stirn …
was immer auch jetzt noch kommt,
das hab ich geschafft.
ein eichelhäher landet in der ferne
auf einem baum,
doch bevor ich den apparat zücken kann,
fliegt er schon weiter.
eine malerische bank -
liegt leider im schatten,
so dass ich mich nicht weiter verweile
und mich an den abstieg mache,
der mich bald
(bei der “fledermausbank”)
auf den bekannten weg zurück bringt.

schleierwolken ziehen auf,
ein sonnenhund erscheint,
und dann erreiche ich wieder
das gasthaus,
wo ich mich mit wein und salzigem essen stärke,
auf der terrasse sitzend,
den sonnenuntergang
durch die schleiernden wolken genießend.
eingehüllt in eine dickere jacke,
und doch wird es langsam frisch …

als die sonne gegangen ist,
mache ich mich auf den heimweg,
und im auto spüre ich deutlich:
es hat einen wandel gegeben
in den letzten stunden:
ich bin wieder da.
wo war ich gewesen?
egal, denn:
jetzt bin ich wieder da.