Mittwoch, den 2. Januar 2008

(fiktives) interview mit rudolf steiner zu aussagen aktueller esoterischer strömungen

Frage 1: Herr Steiner, man hört seit einiger Zeit Sprüche wie “Auch Du bist Gott” oder ähnliches … und auch Sie betonen häufig den “göttlichen Funken” im Menschen. Bei all der Göttlichkeit in uns - bleibt uns auf dieser Welt noch irgend etwas zu tun? Müssen wir denn mehr von uns erkennen?

“… ist vollendete Selbsterkenntnis und volles Gottesbewußtsein auch ein unerreichbares Ideal. Erst wenn man die ganze Welt erkennen würde, könnte man sich selbst ganz erkennen. Nicht darum kann es sich handeln, dass wir wissen, daß ein Göttliches in uns lebt, denn ein Göttliches lebt in jedem Stein, in jeder Pflanze, in jedem Tier. Es kommt darauf an, dass wir immer mehr und mehr von den Offenbarungen Gottes im Weltall erkennen. Wiederholen wir daher weniger, dass Theosophie das Bewußtsein sei von der Einheit Gottes mit dem Menschen, und suchen wir mehr von den Geheimnissen der Welt, das heißt von dem göttlichen Wirken in den Dingen, wirklich zu verstehen.

Dadurch werden wir auch bescheidener, als wenn wir immer unser Bewußtsein vom Gottmenschen in uns betonen. Gewiss tragen wir diesen in uns; aber wir wissen in der Regel blutwenig von ihm. Es ist besser, einige wirkliche Kenntnisse davon zu besitzen, wie es in der astralen oder mentalen Welt aussieht, als mit einem Gottesbewußtsein zu prunken, das ohne wahre, bestimmte Erkenntnisse doch nur ein leeres Wort bleibt. Ja, es ist sogar anmaßend, von dieser Einheit mit Gott zu sprechen, ohne sich auf weitere Vertiefung in die Taten Gottes im Weltall einlassen zu wollen.

Was nützt es, wenn du immer sagst: Ich bin der Sohn dieses Vaters. Lerne von diesem Vater, eigne dir an, was er kann und vermag, dann bist du sein würdiger Sohn. Theosophie wird nur dann wahre göttliche Weisheit sein, wenn sie bestimmt und klar von höheren Welten spricht und alle unbestimmten Redensarten vermeidet. Wieviel jemand von den Erkenntnissen der höheren Welt sich aneignet, das ist eine andere Sache; es kommt aber auf den Willen zur Erkenntnis an.

Alles Unselige in der Welt kommt vom Nichtwissen. Dieses Überwindet man aber nicht durch das Bewußtsein von dem göttlichen Selbst in sich. Denn auch der Unwissende kann mit vollem Recht von seinem göttlichen Selbst reden. Er hat es; nur erkennen kann er es nicht. Die Theosophie soll nicht sein ein Prunken mit einem göttlichen Bewußtsein, sondern ein wirkliches Lernen der göttlichen Weltgeheimnisse, die den Schlüssel geben zur echten Selbsterkenntnis.”

Rudolf Steiner, Lucifer-Gnosis 1903-1908 (GA 34), S. 378 [fette hervorhebungen und absatz-einteilung von mir. vor der gründung der anthroposophischen gesellschaft war rudolf steiner mitglied der theosophischen gesellschaft - daher wird in diesem text auf “theosophie” bezug genommen]

 

 

Frage 2: Sagt nicht auch Lucifer zum Menschen “Du bist wie Gott”?

“Bis zur Sonnenzeit stehen wir unter der Führerschaft des Christus. Von da ab brauchen wir einen Führer, der uns von der Sonne weiter hinaus in den Kosmos zu führen hat. Es tritt uns nun Luzifer zur Seite. Wenn wir ihm auf dem physischen Plan verfallen, so ist das schlimm, aber wenn wir auf der Erde das richtige Verständnis für den Christus-Impuls gehabt haben, so sind wir auf der Sonne stark genug, auch Luzifer ohne Gefahr zu folgen. Er sorgt von da an für das innere Weiterkommen der Seele, so wie der Christus auf dieser Seite der Sonne für unseren Aufstieg bis dahin gesorgt hat. Haben wir uns den Christus-Impuls auf der Erde angeeignet, so ist auf dem Wege zur Sonne Christus der Konservator der Seele. Außerhalb des Sonnenkreises ist Luzifer der Führer im kosmischen Weltenall; innerhalb desselben ist er der Versucher.

Sind wir zur Sonnenzeit ausgerüstet mit dem Christus-Impuls, so leiten uns Christus und Luzifer als Brüder. Wie verschieden sind doch die gleichen Wort Christi und Luzifers aufzufassen! Als ein wunderbarer Geleitspruch das Wort Christi: “In euch lebt der göttliche Funke, ihr seid Götter!” Und Luzifers große Versuchung: “Ihr werdet sein wie Gott”. Das sind gleich zwei gleiche Aussprüche, aber die furchtbarsten Gegensätze! Alles hängt davon ab, wo der Mensch hier steht: an der Seite Christi oder an der Seite Luzifers.

Jetzt beginnt auf der Erde die Zeit, wo die Menschen sich bewußt darüber werden müssen, ob es Christus oder Luzifer ist, die uns nach dem Tode ihre Worte in die Seele raunen. Wir müssen in dem Leben zwischen Geburt und Tod Christus in der rechten Weise verstehen lernen, damit wir nicht im schlafenden Zustand von der Sonnenzeit an durch die Weltenräume wandern müssen.”

Rudolf Steiner Das esoterische Christentum und die geistige Führung der Menschheit (GA130), S. 340 [fette hervorhebungen von mir]

 

 

Frage 3: Und wie sieht das genauer aus, das “Erkennen der Offenbarungen Gottes im Weltall”?

“… Die altgermanische Mythe läßt den Riesen Ymir so aufgeteilt werden: Aus seiner Gehirnschale wird das Himmelsgewölbe gemacht, aus seinen Knochen die Gebirge und so weiter. Das ist die mythologische Darstellung von dem inneren Schauen. Bei jedem Stück in der Welt sieht der Esoteriker den Zusammenhang mit irgend etwas in ihm selbst. Die innere Verwandtschaft tritt dann hervor. Dieses Schauen muss intensiv ausgebildet werden. Alle Religionen weisen auf solche intensive Ausbildung hin. In den Evangelien wird auch darauf hingewiesen. Der Esoteriker sagt sich: Alle Dinge der Umwelt, Stein, Pflanze und Tiere, sind Merkzeichen meiner eigenen Entwicklung; ich könnte nicht sein, wenn nicht diese Reiche da wären. - Dieses Bewußtsein erfüllt uns nicht nur mit dem Gefühl, daß wir hinausgestiegen sind über diese Reiche, sondern auch mit der Erkenntnis, dass wir ohne sie nicht sein könnten.”

Rudolf Steiner, GA93a (Grundelemente der Esoterik), S. 20